Philosophie

Die Philosophie des Ashtanga Yoga

Als praxisorientierte Philosophie lädt Yoga den Menschen dazu ein, seine individuelle Lebenssituation ganzheitlich und bewusst wahrzunehmen und das Leben auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse aktiv zu gestalten und zu genießen. Eine systematische Yogapraxis unterstützt diese Zielsetzung.

Körper- und Atemübungen sowie Meditationen fördern die Integration aller Elemente unseres Daseins, unterstützen das innere Wachstum und einem liebevoll – achtsamen Dialog mit sich selbst und der Umwelt. Sie schaffen eine Atmosphäre geistiger Ruhe und Klarheit.

Die Grundsätze des Hatha-Yoga – die im Westen vorwiegend praktizierte Form des Yoga – wurde durch den indischen Philosophen Patanjali zwischen 200 v. und 200 n. Chr. in einem achtgliedrigen Yoga-Pfad („Ashtanga Yoga“) zusammengefasst. Wird dieser Pfad befolgt, lassen sich die Ursachen menschlichen Leids erkennen und in der Zukunft vermeiden.

Der achtgliedrige Pfad im Überblick

  1. Yamas – Innere Werte als Richtlinien für das rechte Verhalten gegenüber der Umwelt / Gesellschaft
  2. Niyamas – Rechtes Verhalten sich selbst gegenüber
  3. Asana – Die stabile und angenehme Haltung
  4. Pranayama – Die Kontrolle des Atems und der Lebensenergie
  5. Pratyahara: Das Zurückhalten der Sinne
  6. Dharana: Die Konzentration des Geistes auf einen Fokus
  7. Dhyana: Die Meditation
  8. Samadhi: Einheitserfahrung oder auch die Erleuchtung

Der menschliche Geist ist ständig in Bewegung, verbleibt nicht im Hier und Jetzt und beschäftigt sich permanent mit Ereignissen der Vergangenheit, der Planung der Zukunft sowie den damit verbundenen Emotionen. Der menschliche Geist interpretiert ständig alles, was erlebt, gesehen und wahrgenommen wird. Ohne diesen Prozess bewusst wahrzunehmen oder explizit zu steuern, spielen erlernte oder angewöhnte Gedankenmuster, Glaubenssätze, Gewohnheiten und Konditionierungen (im Sanskrit „samskara“ genannt) eine zentrale Rolle.

Somit ist es nicht verwunderlich, dass der menschliche Geist im Alltag häufig nervös und unkonzentriert erscheint und nur schwer in der Lage ist, die aktuelle Lebenssituation und das individuelle Umfeld mit dem nötigen Abstand zu beurteilen und gelassen zu handeln. Bewusstes Handeln setzt die Klarheit eines ruhigen Geistes voraus.

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Der achtgliedrige Pfad, zielt darauf ab, den menschlichen Geist zu beruhigen. Da es eine wesentliche Aufgabe des Geistes ist, zu analysieren und zu interpretieren, geht es in der Yogapraxis nicht darum, den Geist auszuschalten, sondern insbesondere um die Fähigkeit, sich vom Alltagstrubel nicht irritieren zu lassen. Die Aufmerksamkeit des menschlichen Geistes soll auf eine konkrete Aufgabenstellung, Situation oder Gegenstand im Hier und Jetzt konzentriert werden.
Durch das Ausblenden der eigenen, oft schmerzhaften Lebenserfahrungen und angstbelasteten Zukunftserwartungen wird die Wahrnehmung klar und nicht mehr, oder zumindest weniger, durch „Kopfkino“ beeinflusst.

Bewusstes und konzentriertes Handeln im Hier und Jetzt wird nach der Vorstellung von Patanjali durch die Befolgung nachstehender Verhaltensgrundsätze / Gebote unterstützt.

1. Yamas – Innere Werte als Richtlinien für das rechte Verhalten gegenüber der Umwelt / Gesellschaft

Fünf ethische Gebote, die die Haltung des Menschen zu der Gesellschaft und der Umwelt bestimmen.
  • Ahimsa (Nicht-Töten / Nicht-Gewaltsamkeit)
    Angst und daraus entstandene Schwäche, Unwissenheit sowie Unruhe sind die Ursachen von Gewalt. Die Erkenntnis, dass alles untrennbar miteinander verbun-den ist und das Vertrauen in die Schöpfung lassen diese Angst schwinden und Gewaltlosigkeit entstehen. Dabei geht Ahimsa weit über die rein körperliche Gewaltlosigkeit hinaus. Destruktive Taten, Worte und Gedanken sollen erkannt und so weit wie möglich aus dem eigenen Leben verbannt werden. Das schließt einen bewussten und rücksichtsvollen Umgang mit der Umwelt, mit anderen Lebewesen und nicht zuletzt mit sich selbst ein. Es gilt, allem Lebendigen bewusst und mit achtsam gegenüber zu treten und in jeder Situation abzuwägen, welche Verhaltensweise den meisten Nutzen bietet oder zumindest den geringsten Scha-den anrichtet.
  • Satya (Wahrheit, Wahrhaftigkeit als höchstes Gebot)
    Worte und Gedanken sollen in Übereinstimmung mit den Taten gebracht werden. Dabei geht es im Wesentlichen um authentisches Verhalten und die Zielsetzung, nicht nur abzuwägen, was man sagt, sondern auch wie etwas gesagt wird. Die Wahrheit soll nach Möglichkeit so formuliert werden, dass un¬nötige oder absichtliche Verletzungen vermieden werden.
  • Asteya (Nicht-stehlen)
    Asteya beinhaltet, nicht zu nehmen („stehlen“), was anderen gehört. Dabei ist es unerheblich, ob es um Dinge, Taten oder Gedanken handelt. Sich mit fremden Federn zu schmücken, geistiges Urheberrecht oder Vertrauen zu missbrauchen, ist ebenfalls ein Verstoß gegen Asteya.
  • Brahmacharya (Enthaltsamkeit des Körpers, der Rede und des Denkens)
    Brahmacharya umfasst das Maßhalten in allen Lebensbereichen und das sich Kon-zentrieren auf das Wesentliche. Anspruchsdenken, lieb gewonnene Gewohnheiten und Abhängigkeiten beeinflussen das menschliche Denken und Handeln nachhal-tig, oft vollständig. Dies gilt es durch Brahmacharya zu verhindern.
    Es geht bei diesem Gebot daher nicht um vollständige Abstinenz von Genussmit-teln oder „Neuprogrammierung“ bisheriger Verhaltensweisen. Es geht darum, sich seinen Leidenschaften und Begierden nicht unreflektiert hinzugeben und somit unabhängig zu bleiben. Ursprünglich verbirgt sich hinter Brahmacharya auch sexuelle Enthaltsamkeit und Askese. Leitlinie ist dabei, dass alles, was nicht der Suche nach der Wahrheit dient, reine Energieverschwendung sei.
  • Aparigraha: Nicht-Horten
    Aparigraha ähnelt dem Gebot von Asteya ähnlich, konzentriert sich jedoch stärker auf die innere Haltung einer Anspruchslosigkeit. Alles, was man nicht braucht (Besitz, Luxus, Anerkennung) lohnt nicht, angesammelt zu werden. Entscheidend für Aparigraha ist, sich von Erwartungshaltungen zu lösen und den eigenen Wert unabhängig von Statussymbolen zu erkennen.

2. Niyamas – Rechtes Verhalten sich selbst gegenüber

Niyamas umfassen fünf Verhaltensregeln, die sich auf unsere innere Haltung beziehen.

  • Saucha: Reinheit
    Auf körperlicher Ebene bedeutet Saucha nicht nur die übliche tägliche Körper-hygiene, sondern auch die bewusste (ökologische) Ernährung und die Reinhaltung des Körpers und der Gefühlszustände durch kontinuierliche Asana-Praxis. Auf geistiger Ebene bedeutet Saucha auch die Reinigung des Denkens. Erst wenn Gefühle und Gedanken geklärt sind, gelangen sie zur Ruhe.
  • Santosha: Zufriedenheit / Genügsamkeit
    Santosha entsteht aus der Genügsamkeit und bezieht sich darauf, keinen Mangel zu empfinden, sondern mit dem, was man hat und was man ist, zufrieden zu sein. Die Akzeptanz der materiellen, körperlichen und intellektuellen Gegebenheiten und persönlichen Umstände ist oft leichter gesagt, als getan. Santosha bedeutet allerdings nicht, sich resigniert in sein derzeitiges Leben fügen und davon Abstand zu nehmen, sich weiterzubilden und Ziele zu verfolgen. Die innere Zufriedenheit soll allerdings nicht von äußeren Umständen abhängen.
  • Tapas: Selbstdisziplin
    Das Gebot von Tapas stellt das Bemühen um die Vereinigung mit dem Höchsten, der Selbsterkenntnis, in den Fordergrund. Alle diesem Ziel im Wege stehenden Begierden sollen verbrannt werden (sanskr. tapah: Hitze).Es gibt Tapas des Kör-pers (Brahmacharya-Enthaltsamkeit und Gewaltlosigkeit-Ahimsa), Tapas der Rede (Wahrheit sprechen und nicht beleidigen) und Tapas des Denkens (Ruhe, Ausgeglichenheit und Selbstbeherrschung in allen Lebenslagen).
  • Svadhyaya: Selbststudium, Selbstreflexion
    Das Studium der alten heiligen Schriften dient dem Weg zur Selbsterkenntnis und der Erziehung des Selbst. Svadhyaya umfasst weiterhin die Fähigkeit, sich und sein Verhalten zu beobachten, zu analysieren und zu reflektieren. Das heißt, sich immer wieder zu fragen, welche Impulse das eigene Verhalten beeinflussen und worin gegebenenfalls die Ursachen für unbewusste Verhaltensmuster liegen.

3. Asana – Die stabile und angenehme Haltung

Der Begriff „Asana“ kommt von der Sanskrit-Verbform „as“, was „sitzen, sich befinden, verharren“, bedeutet. Asanas bezeichnen einerseits die klassischen Yogahaltungen zur Entwicklung von physischer Stabilität und Körperbewusstsein, andererseits eine Vielzahl an Übungen, die ohne Leistungsdruck mit Achtsamkeit und liebevollem Einfühlungsvermögen praktiziert werden.
Die Asanapraxis ist geprägt von einem zielgerichteten Krafteinsatz und der Ent-spannung in der Anspannung. Asanas sollen Stabilität und Leichtigkeit vereinen. Der Körper sei einerseits fest in der Asana ausgerichtet und gleichsam geerdet, was Stabilität bewirkt. Gleichzeitig wird eine energetische Leichtigkeit erreicht, indem man bis an die Grenzen der eigenen Möglichkeit herangeht, jedoch keines-falls über diese hinaus, sodass sich mit einer gewissen Leichtigkeit und Freude in der Asana verweilen lässt. Wer so in den Haltungen verweilt, optimiert die Rege-neration der Organe, stimuliert das Nervensystem und stärkt die Muskulatur. Neben der Kräftigung und Gesunderhaltung des Körpers geht es darum, ein inti-mes Verhältnis mit sich selbst zu entwickeln, neue Verhaltensweisen einzuüben und die Achtsamkeit zu schulen.

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4. Pranayama – Die Kontrolle des Atems und der Lebensenergie

Unter Pranayama wird eine bewusste Lenkung der Energie verstanden, das heißt das Regulieren und die Ausdehnung des Atems. Durch das Einüben einer bewusst gesteuerten Atmung werden Körper und Geist beruhigt, Blockaden aufgelöst und der Energiefluss im menschlichen Körper optimiert. Zumeist wird bei der Ausfüh-rung der Übungen der Atem modifiziert, rhythmisiert und in den Atempausen an-gehalten. Durch die Kontrolle und Regelung des Atems werden Unregelmäßig-keiten bzw. Störungen des Atems beseitigt. Durch Pranayama werden Lunge und Nerven gereinigt, die Gedanken wie auch Gefühls- und Gemütszustände beruhigt. Erst auf dieser Grundlage ist konzentriertes Denken möglich.

5. Pratyahara: Das Zurückhalten der Sinne

Durch rhythmische Atemkontrolle wenden sich die Sinne automatisch nach innen und werden immer weniger durch äußere Sinnesreize abgelenkt. Pratyahara ist ein Bewusstseinszustand, wenn Reizüberflutung und Ablenkungen aufhören und die Sinne ruhig in der Stille des Geistes verweilen und zur Erkenntnis des wahren Selbst vordringen.

6. Dharana: Die Konzentration des Geistes auf einen Fokus

Dharana bezeichnet die Fähigkeit, die eigene Konzentration vollkommen auf einen Gegenstand, eine Handlung, eine Frage oder Aufgabenstellung auszurichten und dabei zu verweilen. Die sechste Stufe des achtgliedrigen Pfades wird erreicht, sobald Gefühle und Gedanken durch Yama und Niyama gereinigt worden sind, der Körper durch Asana beherrscht, das Denken sich durch Pranayama verfeinert hat und die Sinne durch Pratyahara unter Kontrolle gebracht wurden.

7. Dhyana: Die Meditation

Durch das ununterbrochene Halten der Konzentration erwacht der Zustand der Meditation, in welchem das subjektive Wissen, Glaubenssätze, Denkmuster, Er-wartungshaltungen und Emotionen hinter sich gelassen werden und die Dinge intuitiv so gesehen werden, wie sie sind. In diesem Bewusstseinszustand gibt es überhaupt keine Eigenschaften, nur den Zustand höchster Glückseligkeit. Wie ein Beobachter schaut man auf das, was zuvor als Meditationsgegenstand ausgewählt wurde. Der neutrale Beobachter akzeptiert alles, was er sieht – ohne es zu bewer-ten und zu beurteilen, ohne eingreifen oder etwas ändern zu wollen.

8. Samadhi: Einheitserfahrung oder auch die Erleuchtung

Am Ende des Pfads warten die Einheitserfahrung mit der Göttlichen bzw. die Er-leuchtung sowie die innere Glückseligkeit. Das Empfinden für die eigene Identität löst sich auf. Innere Glückseligkeit, ein Zustand der absoluten Freiheit, der unab-hängig von äußeren Umständen ist, entsteht.